Kontroverses
Gestern lief in unserem Kino im Rahmen unseres interkulturellen Filmprojekts der Film zweier junger Filmemacher über zwei junge Türkinnen, die das Kopftuch tragen.
Wie zu erwarten war, war das Kino bis auf den letzten Platz besetzt, was das Interesse an dieser kulturellen und vor allem religiösen Eigenart bezeugte.
Die Art und Weise, wie sich die Filmemacher an das Thema angenähert haben, stieß im Publikum auf starke emotionale, und komplett unterschiedliche Reaktionen, die eine lange, darauffolgende Publikumsdiskussion ausgelöst hat.
Der Film besteht visuell aus vielen verschiedenen Szenen, in denen man zwei komplett bedeckte Kopftuchträgerinnen (die Protagonistinnen) an ganz verschiedenen Orten unserer Stadt sieht, man sieht sie aber nur von hinten, sie stehen einfach ganz ruhig nebeneinander. Währenddessen hört man die Protagonistinnen, die beide in Deutschland geboren sind, über ihr Leben sprechen, sehr beredt, freundlich und interessant.
Für die anschliessende Diskussion kamen Filmemacher und Protagonistinnen dann gemeinsam auf die Bühne, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen.
Die ersten Reaktionen aus dem Publikum waren sehr negativ. Man zeigte sich von dem Film enttäuscht, es wäre ja gar nichts zu sehen gewesen, ausser die beiden Frauen von hinten, man hatte etwas anderes erwartet, wollte Szenen aus dem Leben der Beiden sehen, vielleicht, wie sie wohnen, sie bei Alltagstätigkeiten beobachten. Statt dessen fühlten sich einige Zuschauer sogar brüskiert, ausgegrenzt, abgewiesen. Einige wurden im Laufe der Diskussion fast agressiv, sprachen davon, daß ein solcher Film der Integration entgegenwirke, fühlten sich gar beleidigt, mutmaßten, daß ihnen deren Ehemänner nicht erlaubt hätten, sich von vorne zu zeigen, oder daß sie von den Filmemachern dazu genötigt worden seien, den Film auf diese Weise zu drehen. Die Protagonistinnen (Hut ab vor der Courage, die sie auf der Bühne gezeigt haben) erklärten ihre Freiwilligkeit an der Art und Weise, wie der Film gemacht wurde, und daß sie selbst sich dafür entschieden hatten.
Während sich die, neben mir sitzenden, etwas älteren Damen immer mehr echauffierten, erklärten die Filmemacher ihre Intention, und ich muß wirklich sagen, daß mich das sehr beeindruckt hat, weil es auch in mir, obwohl ich mich für sehr aufgeschlossen halte, noch einiges bewegt hat.
Es ist doch so: man sieht auf der Straße eine Frau mit Kopftuch, und man steckt sie sofort in eine Schublade, oft ganz unbewusst. Man denkt, sie ist wahrscheinlich verheiratet, sie wurde gezwungen, das Tuch zu tragen, sie ist unmündig, wahrscheinlich ungebildet, arm dran, etc. Je weniger man selbst mit solchen Menschen zu tun gehabt hat, desto negativer werden wahrscheinlich die Atribute, mit der man sie belegt.
Und genau das war der Kunstgriff dieses Films. Während man, scheinbar ihrer Individualität beraubte Kopftuchträgerinnen sieht (genauso, wie man sie wahrscheinlich auf der Straße wahrnehmen würde, und vielleicht nicht mal das Gesicht genau anschauen würde, oder es gleich wieder vergessen hätte) hört man dazu die, sich in bestem, wohlformuliertem Deutsch ausdrückenden, symphatischen Stimmen über Religion, Mutterschaft, Studium und Alltagsleben sprechen. Vielen Zuschauern war es kaum möglich, den Stimmen zuzuhören, weil sie sich angegriffen gefühlt hatten, und ausgegrenzt, wie sie betonten.
Wovon?
Von einer Lebensart zweier junger Frauen, die uns unendlich fremdartig erscheint. So fremd, daß wir sie abwehren müssen, daß wir die persönliche Entscheidung und die Tatsache, daß für Menschen ihre Religion so wichtig ist, daß sie sich im täglichen Leben durch das Tragen eines Stücks Stoff auf dem Kopf und dem Verhüllen ihrer weiblichen Formen als hingebungsvolle Glaubende zeigen möchten, nicht annehmen können. Eine der Protagonistinnen erklärte zudem, daß sie auch deßhalb das Kopftuch trage, und ihre weiblichen Atribute verhülle, weil sie dadurch ihre Individualität hervorheben möchte. Das ist wohl in einem Land, in dem es vor allem für Frauen ihr Äusseres sehr wichtig ist, nur sehr schwer verständlich.
Nach und nach kamen aus dem Publikum auch andere, positivere Stimmen.
Eine Frau sagte, es gehe hier um Integration, was für sie auch bedeute, daß nicht nur die "Fremden" sich integrieren müssen, sondern auch die hier lebenden Menschen am Integrationsprozess teilnehmen müssen, und das finde ich auch.
Es ist gleichermaßen bemerkenswert wie traurig, daß sich Menschen angegriffen fühlen, wenn sich ein anderer Mensch dafür entscheidet, sich seiner Form des Glaubens hinzugeben, mit allem, was für ihn dazugehört, und was er seit klein auf erlebt hat.
Meiner Meinung nach entspringt das Sich-Angegriffen-Fühlen einer tiefen Angst und einem eigenen Unzulänglichkeitsgefühl, was die eigene Identität und den eigenen "Wert" betrifft.
Die Protagonistinnen haben keine Mauer um sich gebaut, denn sie zeigten sich freundlich und offen, haben viele, nichtverschleierte Freundinnen, und hätten sich wohl kaum auf die Bühne begeben, wenn sie der Ansicht wären, daß alle Anderen weniger Wert haben, als sie selbst, trotzdem wurde ihnen genau das vorgeworfen.
Bitte, ich möchte hier keine Partei ergreifen, weder für die eine, oder die andere Seite, und schon gar nicht möchte ich hier irgendjemanden angreifen, der vielleicht zu diesem Thema anders denken mag, aber ich für mich selbst habe bei diesem Event gespürt, daß die Mauern in den Köpfen sind, und daß auch in meinem Kopf noch Türen geöffnet werden müssen.
Natürlich weiß ich, daß es, wie in jeder Religion, Fanatiker gibt (leider ist das mal wieder ganz schlimm zu sehen gewesen in den letzten Tagen), aber ich möchte hier keine Grundsatzdiskussion über Ausländer anzetteln.
Vielmehr wollte ich davon erzählen, daß mich das sehr berührt hat, und mich gelehrt hat, noch genauer hinzusehen, und dem Fremden durch die eigene Annäherung das Unbehagliche, das Angstmachende zu nehmen, und die eigenen Vorurteile, die zum großen Teil an mangelndem Verständniss entstehen, noch genauer anzuschauen, und schließlich zu überwinden.
Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie ich darüber schreiben könnte, und ob ich es überhaupt tun soll, denn diese Themen sind kontrovers, und ich weiß heute, noch viel mehr, als vor diesem Event, daß es wirklich viel Eigenarbeit erfordert, und nicht immer leicht ist, will man sich wirklich offen mit solchen Themen auseinandersetzen, wenn man wirklich bei sich Akzeptanz erreichen möchte.
Viele der Zuschauer im Kino hatten, wie es meine Chefin sehr treffend formuliert hat, ein weichgezeichnetes, gefälliges Filmchen erwartet, zu dem sie dann freundlich und verständnissvoll hätten nicken können, doch wurden sie mit wirklicher Denkarbeit konfrontiert, und mit ihren eigenen Vorurteilen, und Einige waren vielleicht einfach nicht in der Lage, sich darauf einzulassen, und über die Mauer zu springen, oder zumindest eine Tür zu öffnen, und sei es auch nur einen Spalt.
Am selben Abend sah ich Zuhause noch eine Doku in Arte über Dicke, die auch sehr leicht in Schubladen gesteckt werden, und oft sehr negativ gewertet werden.
Auch wenn diese Art der Vorurteilung aus einer ganz anderen Ecke kommt, verläuft sie meiner Meinung doch nach einem ähnlichen Schema im Kopf, und für mich war der Film das Ipfelchen auf dem Tü eines sehr erhellenden Tages.
Und ich bin einmal mehr froh, daß ich in meinem Kino an einem Ort gelandet bin, der eben keine neuen Mauern baut, sondern versucht, Türen und Brücken zu schaffen.
Schönen Abend Euch Allen!
:-)
Wie zu erwarten war, war das Kino bis auf den letzten Platz besetzt, was das Interesse an dieser kulturellen und vor allem religiösen Eigenart bezeugte.
Die Art und Weise, wie sich die Filmemacher an das Thema angenähert haben, stieß im Publikum auf starke emotionale, und komplett unterschiedliche Reaktionen, die eine lange, darauffolgende Publikumsdiskussion ausgelöst hat.
Der Film besteht visuell aus vielen verschiedenen Szenen, in denen man zwei komplett bedeckte Kopftuchträgerinnen (die Protagonistinnen) an ganz verschiedenen Orten unserer Stadt sieht, man sieht sie aber nur von hinten, sie stehen einfach ganz ruhig nebeneinander. Währenddessen hört man die Protagonistinnen, die beide in Deutschland geboren sind, über ihr Leben sprechen, sehr beredt, freundlich und interessant.
Für die anschliessende Diskussion kamen Filmemacher und Protagonistinnen dann gemeinsam auf die Bühne, um dem Publikum Rede und Antwort zu stehen.
Die ersten Reaktionen aus dem Publikum waren sehr negativ. Man zeigte sich von dem Film enttäuscht, es wäre ja gar nichts zu sehen gewesen, ausser die beiden Frauen von hinten, man hatte etwas anderes erwartet, wollte Szenen aus dem Leben der Beiden sehen, vielleicht, wie sie wohnen, sie bei Alltagstätigkeiten beobachten. Statt dessen fühlten sich einige Zuschauer sogar brüskiert, ausgegrenzt, abgewiesen. Einige wurden im Laufe der Diskussion fast agressiv, sprachen davon, daß ein solcher Film der Integration entgegenwirke, fühlten sich gar beleidigt, mutmaßten, daß ihnen deren Ehemänner nicht erlaubt hätten, sich von vorne zu zeigen, oder daß sie von den Filmemachern dazu genötigt worden seien, den Film auf diese Weise zu drehen. Die Protagonistinnen (Hut ab vor der Courage, die sie auf der Bühne gezeigt haben) erklärten ihre Freiwilligkeit an der Art und Weise, wie der Film gemacht wurde, und daß sie selbst sich dafür entschieden hatten.
Während sich die, neben mir sitzenden, etwas älteren Damen immer mehr echauffierten, erklärten die Filmemacher ihre Intention, und ich muß wirklich sagen, daß mich das sehr beeindruckt hat, weil es auch in mir, obwohl ich mich für sehr aufgeschlossen halte, noch einiges bewegt hat.
Es ist doch so: man sieht auf der Straße eine Frau mit Kopftuch, und man steckt sie sofort in eine Schublade, oft ganz unbewusst. Man denkt, sie ist wahrscheinlich verheiratet, sie wurde gezwungen, das Tuch zu tragen, sie ist unmündig, wahrscheinlich ungebildet, arm dran, etc. Je weniger man selbst mit solchen Menschen zu tun gehabt hat, desto negativer werden wahrscheinlich die Atribute, mit der man sie belegt.
Und genau das war der Kunstgriff dieses Films. Während man, scheinbar ihrer Individualität beraubte Kopftuchträgerinnen sieht (genauso, wie man sie wahrscheinlich auf der Straße wahrnehmen würde, und vielleicht nicht mal das Gesicht genau anschauen würde, oder es gleich wieder vergessen hätte) hört man dazu die, sich in bestem, wohlformuliertem Deutsch ausdrückenden, symphatischen Stimmen über Religion, Mutterschaft, Studium und Alltagsleben sprechen. Vielen Zuschauern war es kaum möglich, den Stimmen zuzuhören, weil sie sich angegriffen gefühlt hatten, und ausgegrenzt, wie sie betonten.
Wovon?
Von einer Lebensart zweier junger Frauen, die uns unendlich fremdartig erscheint. So fremd, daß wir sie abwehren müssen, daß wir die persönliche Entscheidung und die Tatsache, daß für Menschen ihre Religion so wichtig ist, daß sie sich im täglichen Leben durch das Tragen eines Stücks Stoff auf dem Kopf und dem Verhüllen ihrer weiblichen Formen als hingebungsvolle Glaubende zeigen möchten, nicht annehmen können. Eine der Protagonistinnen erklärte zudem, daß sie auch deßhalb das Kopftuch trage, und ihre weiblichen Atribute verhülle, weil sie dadurch ihre Individualität hervorheben möchte. Das ist wohl in einem Land, in dem es vor allem für Frauen ihr Äusseres sehr wichtig ist, nur sehr schwer verständlich.
Nach und nach kamen aus dem Publikum auch andere, positivere Stimmen.
Eine Frau sagte, es gehe hier um Integration, was für sie auch bedeute, daß nicht nur die "Fremden" sich integrieren müssen, sondern auch die hier lebenden Menschen am Integrationsprozess teilnehmen müssen, und das finde ich auch.
Es ist gleichermaßen bemerkenswert wie traurig, daß sich Menschen angegriffen fühlen, wenn sich ein anderer Mensch dafür entscheidet, sich seiner Form des Glaubens hinzugeben, mit allem, was für ihn dazugehört, und was er seit klein auf erlebt hat.
Meiner Meinung nach entspringt das Sich-Angegriffen-Fühlen einer tiefen Angst und einem eigenen Unzulänglichkeitsgefühl, was die eigene Identität und den eigenen "Wert" betrifft.
Die Protagonistinnen haben keine Mauer um sich gebaut, denn sie zeigten sich freundlich und offen, haben viele, nichtverschleierte Freundinnen, und hätten sich wohl kaum auf die Bühne begeben, wenn sie der Ansicht wären, daß alle Anderen weniger Wert haben, als sie selbst, trotzdem wurde ihnen genau das vorgeworfen.
Bitte, ich möchte hier keine Partei ergreifen, weder für die eine, oder die andere Seite, und schon gar nicht möchte ich hier irgendjemanden angreifen, der vielleicht zu diesem Thema anders denken mag, aber ich für mich selbst habe bei diesem Event gespürt, daß die Mauern in den Köpfen sind, und daß auch in meinem Kopf noch Türen geöffnet werden müssen.
Natürlich weiß ich, daß es, wie in jeder Religion, Fanatiker gibt (leider ist das mal wieder ganz schlimm zu sehen gewesen in den letzten Tagen), aber ich möchte hier keine Grundsatzdiskussion über Ausländer anzetteln.
Vielmehr wollte ich davon erzählen, daß mich das sehr berührt hat, und mich gelehrt hat, noch genauer hinzusehen, und dem Fremden durch die eigene Annäherung das Unbehagliche, das Angstmachende zu nehmen, und die eigenen Vorurteile, die zum großen Teil an mangelndem Verständniss entstehen, noch genauer anzuschauen, und schließlich zu überwinden.
Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie ich darüber schreiben könnte, und ob ich es überhaupt tun soll, denn diese Themen sind kontrovers, und ich weiß heute, noch viel mehr, als vor diesem Event, daß es wirklich viel Eigenarbeit erfordert, und nicht immer leicht ist, will man sich wirklich offen mit solchen Themen auseinandersetzen, wenn man wirklich bei sich Akzeptanz erreichen möchte.
Viele der Zuschauer im Kino hatten, wie es meine Chefin sehr treffend formuliert hat, ein weichgezeichnetes, gefälliges Filmchen erwartet, zu dem sie dann freundlich und verständnissvoll hätten nicken können, doch wurden sie mit wirklicher Denkarbeit konfrontiert, und mit ihren eigenen Vorurteilen, und Einige waren vielleicht einfach nicht in der Lage, sich darauf einzulassen, und über die Mauer zu springen, oder zumindest eine Tür zu öffnen, und sei es auch nur einen Spalt.
Am selben Abend sah ich Zuhause noch eine Doku in Arte über Dicke, die auch sehr leicht in Schubladen gesteckt werden, und oft sehr negativ gewertet werden.
Auch wenn diese Art der Vorurteilung aus einer ganz anderen Ecke kommt, verläuft sie meiner Meinung doch nach einem ähnlichen Schema im Kopf, und für mich war der Film das Ipfelchen auf dem Tü eines sehr erhellenden Tages.
Und ich bin einmal mehr froh, daß ich in meinem Kino an einem Ort gelandet bin, der eben keine neuen Mauern baut, sondern versucht, Türen und Brücken zu schaffen.
Schönen Abend Euch Allen!
:-)
momoseven - 2011/07/25 21:17
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